»Frische Ware«

»Frische Ware«

CD 1
01 Frische Ware
02 Mahlzeit
03 No. 20 Wegweiser
04 No. 21 Wirtshaus
05 No. 22 Mut
06 No. 23 Nebensonnen
07 No. 24 Leiermann
08 Weite
09 bene@ruhesanft.fc.et

CD 2
01 Einschlagen
02 Der letzte Seufzer
03 Schnitter Tod
04 O Galgen, du hohes Haus
05 Krematorium
06 Arrivederci
07 Schütze Gott
08 L’ultimo suspiro

Veröffentlicht 2000 bei ARBE.


Musicbanda Franui:
Johannes Eder (Klarinette, Sopransaxophon, Baßklarinette)
Markus Kraler (Kontrabaß, Fisarmonica)
Herbert Mütter (Posaune, Euphonium, Solo-Gesang)
Angelika Rainer (Harfe, Zither, Gitarre)
Bettina Rainer (Katholisches und Reformiertes Hackbrett, Gitarre)
Markus Rainer (Trompete, Flügelhorn)
Andreas Schett (Trompete, Flügelhorn, Solo-Gesang)
Martin Senfter (Ventilposaune, Euphonium, Gesang)
Karlheinz Siessl (Tuba, Gesang)

My Undertaker’s Tunes. Musik für Totengräber.

1 In dem Tal, aus dem wir kommen, haben die Einheimischen ihrem Totengräber einen „Übernamen“ gegeben: Er wird „der Andertejker“ genannt. Das ist Mundart. Der Bruder des Andertejkers war Johannes E. Trojer, Volksschullehrer, Volkskundler, Schriftsteller und Herausgeber der Kulturzeitschrift „Thurntaler“. Trojer starb 1991 sechsundfünfzigjährig an Krebs. Solange er lebte, hat er alles aufgeschrieben, wie es gekommen ist. In seinem Nachlaß finden sich Stöße von Ermittlungen, historische Dokumente, Fotografien, Tonbänder, Ansichtskarten, Sterbebildchen und Notizen, die in Summe eine Archäologie des dörflichen Lebens ergeben: eine literarische Versuchsanordnung über das Leben und Sterben in zwei kleinen Dörfern eines abseitig gelegenen Osttiroler Nebentales.¹
Einmal beobachtete Trojer ein Leichenbegängnis.
In einem seiner sogenannten „Journale“ verfaßte er ein knappes Notat:
„Beim Begräbnis des alten Wegmachers sind der Musikkapelle die Instrumente während des Stückes eingefroren, der Trauermarsch endete wie ein Stück Kabarett.“

2 Das bringt mich zu den Geschichten über den Tod, wie sie bei uns erzählt werden. Die Rede ist von den Dörfern Inner- und Außervillgraten in Osttirol, die beide rund 1000 Einwohner zählen. Sie liegen im Villgratental, einem Tal, das hinten aufhört. Man wähnt sich in Sicherheit: „Vom Wetter, das von draußen kommt, und vom Krieg, der drinnen ausbricht, braucht man sich nicht zu fürchten“, heißt es. Das Wetter kommt von drinnen und der Krieg von draußen. Die Kirche von Außervillgraten sitzt weiter oben am Abhang und überschaut den Ortskern. Der Raum zwischen Kirchen- und Friedhofsmauer ist knapp, die Zahl der Grabplätze begrenzt. So hat man mit der Zeit die Toten reihum, im Kreis um die Kirche bestattet. Jede letzte Ruhestätte löscht eine andere, ältere aus.
Ein Grab dauert 30 Jahre. Der Friedhof heißt in der Mundart „Freidhof“.

3 Über den Berggrat verläuft die Grenze zu Südtirol und geht man dort hinunter, gelangt man nach Toblach, wo Gustav Mahler einige Sommermonate lang das „Lied von der Erde“ sowie die 9. und 10. Symphonie geschrieben hat. Zwischen 1992 und 1996 fand die „Villgrater Kulturwiese“ statt, jährlich wurden in rund 40 Veranstaltungen hiesige kulturelle Befunde mit internationalen Kunstströmungen in Verbindung gebracht. Franui gehörte zu den Hauptbetreibern und fungierte als Haus- und Hofmusik. Dann wurde im April des Jahres 1996 ein altes Holzhaus, das als Zentrum unseres Festivals gedacht war, über Nacht von Unbekannt rechtsfrei abgefackelt, also heiß abgetragen. Seither sind wir zu fahrenden Musikanten geworden und spielen in dörflichen Vereins- wie in städtischen Veranstaltungshäusern. Einmal saßen wir bei einer wichtigen Preisverleihung auf der Bühne. Es wurde ein Film ausgezeichnet, der das Sterben einer krebskranken Frau zum Inhalt hatte. Der Redakteur habe das Sterben so gezeigt, wie es das Fernsehen nie tue, sagte der Festredner, ganz normal, das gewöhnliche, das richtige Sterben. Über Wochen hätten der Redakteur und sein Kameramann die Frau ausgefragt und gefilmt. Aber so jemand sterbe nicht von einem Tag auf den andern, sagte der Festredner, darum habe man am Sterbeort an der Pforte eine Kamera deponiert, um wirklich dabei sein zu können. Und ausgerechnet an jenem Tag, an dem der Redakteur der sterbenden Frau praktisch außer Dienst mit einem Besuch aufgewartet habe, um ihr die Frau Gemahlin und das wenige Monate alte Kind vorzustellen, habe er bemerken müssen, daß es zu Ende gehe und natürlich kein Kameramann weit und breit. Es sei ein Glück zu nennen, so der Festredner, daß der Redakteur seine Ausbildung zum Journalisten in Amerika absolviert habe und also in der Lage gewesen sei, die Kamera eigenhändig zu bedienen. Hier und jetzt, sagte der Landesrat für Kultur, werde ein Preis für eine journalistische Arbeit vergeben, die sich auf eindrucksvolle Art und Weise einer Minderheit annehme:
der Minderheit der Sterbenden. Wir schlugen das Marschbuch auf und spielten „Der letzte Seufzer“. In Österreich beträgt die Sterblichkeitsziffer 100 Prozent.

4 Der Kapellmeister kündigt Trauermärsche nie mit ihrem Titel an. Er nennt eine Nummer.
Er sagt „siebzehn“ und jeder weiß: „Am Grabe der Mutter“. Die Musikanten stehen hinten bei der Kriegergedächtniskapelle.
Der Pfarrer legt „für den Nächsten, der aus unserer Mitte gerissen wird“ eine Fürbitte ein. Das Megaphon trägt seine Worte über den Friedhof. Die Musikanten machen Witze. Die Angehörigen stehen am Grabesrand und blicken in die Grube hinab. Ein paar halbe Stunden zuvor sind sie an der Türschwelle ihres Hauses gestanden, wo sich folgendes ereignet hat: Die Toten werden daheim aufgebahrt und sobald die Leiche bei Tür und Tor hinausgetragen wird, muß der nächste Nachbar mit laut vernehmbarer Stimme sagen: „Die Mutter grüßt zum letzten Mal: Gelobt sei Jesus Christus!“ Im Anschluß an das Begräbnis erhält die Musikkapelle ihren Lohn, nicht selten in Form eines Frankfurter Würstels,
auch „Musikschnitzel“ genannt. Wer länger sitzen bleibt, trinkt ein wenig. Mit der Zeit beginnen einige zu singen, mitunter die Triomelodien der soeben gespielten Märsche. Da muß es geschehen sein, daß die Musikanten auf diese Melodien hinauf Texte gedichtet haben:

Und auf d’Nåcht um hålbezehne, schleicht der Mittertupfer Bene, zu dem Fenschterl von der oan …

Öfter als einmal hörte ich bei solchen Anlässen:
„Wenn die nettesten Leute alle wieder zusammenkämen, wäre es ganz gleich, wenn man in die Hölle käme.“

5 Die Südtiroler Schriftstellerin Anita Pichler (1948–1997) lebte im Sommer 1994 als Dorfschreiberin in Villgraten.
In ihren Aufzeichnungen ist von einer seltsamen Begegnung zu lesen:
„Am Ainethbach entlang bin ich bis zum großen Stein gegangen (wo ich keinen Stein gefunden habe) und von da zu den Remesseen, keiner Menschenseele bin ich begegnet, nur die Kühe, deren Neugier größer ist, als ihre Trägheit, drehten sich um und schauten mir nach, – bis zur Kamelisenalm, wo die Touristen im Freien grillten. Etwas unterhalb stand plötzlich ein Mann, wie aus dem Boden gestampft in den Sträuchern und stopfte sich den Mund mit Himbeeren voll. Ich sagte ‚Griaßtenk‘, wie zu einem alten Mann und sah auch, daß er jung war, nur der gezwirbelte Schnurrbart, der Hut und die Lodenjoppe gaben ihm ein altehrwürdiges Aussehen. Er stand da, wie übriggeblieben aus einer anderen Zeit, ewig Himbeeren essend, eine arme Seele, die, wer weiß welchen Himbeertod gegeben oder erlitten hat. In den Wäldern ging ich dem Duft der Pilze nach und fand schließlich, weiß und rot wie die Tiroler Fahne, eine ganze Kolonie schöner, giftiger Fliegenpilze.“ ²

6 Beim Schreiben an diesen Zeilen kommen zwei Todesnachrichten: Gestorben sind Bill Bowerman, Mitbegründer der US-Sportartikel-Firma Nike, im Alter von 88 Jahren und Josef Demartin, vulgo „’s Schneidermandl“, ebenfalls 88jährig. Der eine war laut ORF-Teletext zunächst Leichtathletik-Trainer an der Universität von Oregon, ehe er in den 50er Jahren einen revolutionären Turnschuh entwickelte. Der andere, erzählen die Leute, sei aus der Lienzer Gegend gewesen und habe sich zunächst draußen in Arnbach als Knecht verdingt, ehe er im Tal als Hirte gedient habe, welchselbige Tätigkeit er stets wurmnackig, wie es heißt, lediglich mit einem blauen Schurz bekleidet, ausgeübt habe. Die Touristen hätten ihm darum den Beinamen „der nackte Senner“ gegeben.

7 Im vergangenen Frühjahr fand in Sillian, das ist die größte Gemeinde am Ausgang des Villgratentales, ein denkwürdiges Begräbnis statt, das zwei, drei Stunden später in allen rundumliegenden Gemeinden ins Gerede kam. Ein Altbauer sei verschieden. Vor einigen Jahren habe er Selbstmord gemacht, was aber nicht geglückt sei. Derwegen sei er die letzten Jahre im Rollstuhl gesessen. Zum Transport des Sarges habe man sich das Roß des Nachbarn ausgeliehen. Der Trauerzug habe sich in Bewegung gesetzt, und wie sie so dahinziehen und beim Hof des Nachbarn vorbeikommen, riecht das Roß im Stall sein Fohlen, dreht durch und schießt samt Sarg davon. Die Trauernden rennen dem Gefährt mit äußerster Kraft hinterher. In der ersten Kurve natürlich leert das Roß den Sarg ab. Der kugelt den Abhang hinunter, prallt an eine Fichte und bleibt in Fetzen liegen. Es habe mehrere halbe Stunden gebraucht, bis man den örtlichen Bestattungsunternehmer per Mobiltelefon habe ausfindig machen können, der sei mit einem neuen Sarg gekommen, worauf sich die Hinterbliebenen neuerlich auf den Weg gemacht hätten.

8 Einmal trafen wir den in Wien lebenden Posaunisten und Improvisateur Bertl Mütter. ³ („Wer einmal in Wien gewesen ist, das ist ein sehr großes Dorf“, schrieb Johannes E. Trojer.) Wie es dazu kam, daß wir beschlossen, ein gemeinsames Programm zu machen, weiß niemand mehr genau. Was hingegen feststeht, ist folgendes: Das Gerät einer Tanzkapelle taugt auch zum Spielen von Trauermärschen. Also nehmen wir Klarinette und Trompete, Posaune und Tuba, Harfe und Hackbrett, Kontrabaß und Ziehharmonika, Gitarre und Zither zur Hand, schlagen das Trauermarschbuch auf und aktivieren die Funktion Superzeitlupe:
Es fließen Rotz und Wasser, Schmalz und Schweißströme. Was ich eigentlich erzählen wollte, ist:
Früher konnten die Leute seitenweise Gedichte auswendig. Meine Großtante mütterlicherseits zum Beispiel wußte zu jeder erdenklichen Gelegenheit einen Mehrzeiler aufzusagen, der so endete:

… der Totengräber im Gebeinhaus hat keine frische Ware!

Das heißt, eigentlich muß ich an einer anderen Stelle beginnen:
Wir schrieben die schönsten Trauermärsche auf unsere Besetzung um und komponierten selbst ein paar für solcherlei Anlässe passende Stücke. Dann kam Bertl Mütter und wollte uns Musik von Schubert und Mahler einreden. Letztendlich überzeugte uns das von Schubert eingeführte Nummernsystem: Wenn einer „einundzwanzig“ sagt, weiß jeder, daß „Das Wirtshaus“ aus der „Winterreise“ gemeint ist. Schließlich stellten wir Nachforschungen an und brachten in Erfahrung, daß Schubert, Mahler oder auch Chopin manch eine ihrer Melodien aus dem Trauermarschbuch der Landkapellen gestohlen haben. Einzig angemessene Reaktion: Wir stehlen sie zurück.

9 Isidor, ein alter Villgrater, habe am Totenbett noch einmal Rückschau gehalten, wird erzählt. Alles, was er ein Leben lang gelernt habe, sei noch einmal an ihm vorübergezogen, woran man zu glauben habe und was einen erwarte, wenn man hinüberkommt. Schlußendlich habe er einen letzten Satz gesprochen:
„Lachen müßte ich, wenn alles erlogen wäre.“

10 Vorliegende Einspielung ist eine musikalische Szenenfolge, die – abstrakt gesprochen – lediglich von einer rechteckigen Fläche in eine andere überführt wird, nämlich vom Tanzboden geradewegs in den Friedhof.
Sie wurde im Wirtshaus aufgenommen. Das ist der Ort, wo man sich nach dem Leichenbegängnis zur Zehrung trifft und von dem es in Schuberts Winterreise heißt: „Ihr grünen Totenkränze / könnt wohl die Zeichen sein, / die müde Wandrer laden / ins kühle Wirtshaus ein.“
Bei uns stieß eine Mutter gegenüber ihrem Sohn, der gerne und lange im Wirtshaus saß, die folgende Drohung aus: „Bub, wenn ich sterbe und du gehst mir nicht Begräbnis, komme ich zum Wirt und speib’ in allen Winkeln Feuer aus.“
Der Tod war immer schon lustiger, als man es wahrhaben wollte und trauriger, als man es zuließ.

Andreas Schett


¹ Nachzulesen in: Johannes E. Trojer, „Trojer. Texte aus dem Nachlaß. Mit einer Fotoserie des Autors“,
zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Ingrid Fürhapter und Andreas Schett, Innsbruck 1998

² Aus: Anita Pichler, „Schwere Schuhe, keine Namen“ in: Feldforschung, Die Erste, Mai 1995, S. 26–31

³ Geboren 1965 in Steyr / Oberösterreich. Blasmusik, Dixieland, Theologie, Militärmusik, Musikstudium (Posaune-Jazz, etwas
Stimme) in Graz, Diplom. Preise, Förderbeiträge, Aufträge. Lebt freischaffend. Zahlreiche Soloprogramme, u.a. Bearbeitungen
von Mahler und Schubert sowie Franz-Kafka-Rezitationen. Ensembles: Timbre, Haslinger – Mütter – Puntigam, Duo Cech –
Mütter, Duo Fheodoroff – Mütter, camerata obscura, striped roses, nouvelle cuisine, …