"ENNUI. Geht das immer so weiter?"

"ENNUI. Geht das immer so weiter?"

Divertimenti, Kassationen, Serenaden und anderes von Wolfgang Amadeus Mozart Musikalische Inseln von Erik Satie
Einwürfe von Franz Schubert, Béla Bartók und John Cage

Komposition/musikalische Bearbeitung: Markus Kraler, Andreas Schett

Texte von Søren Kierkegaard, Georg Büchner, Blaise Pascal, Alberto Moravia, John Cage, Erik Satie, Bertrand Russell, Eckhard Hennscheid, Hans Magnus Enzensberger, Walter Benjamin, Ernst Jandl, Arthur Schopenhauer

Textauswahl und Dramaturgie: Andreas Schett

Bühnenraumbild von Martin Gostner „Ennui – Retter, spiele, Retter“ (2016)

Divertimento!

Divertimento!

Das ist ein Abend über die Langeweile. Damit ist nicht gemeint, was der Wiener als fad bezeichnet. Es geht vielmehr um die existenzielle Langeweile, um jenen Moment also, in dem Dich die schwarze Leere ergreift, Dir die Absurdität des Daseins bewusst wird, das Geworfensein oder die ontologische Einsamkeit – oder wie immer Philosophen diesen Zustand genannt haben.

Aufheben kann man diese Langeweile laut Søren Kierkegaard nicht durch Arbeit. Müßiggang könne durch Arbeit aufgehoben werden, schreibt er, jener sei das Gegenteil von Arbeit. Der Langeweile aber könne man nur durch Unterhaltung entfliehen.
Die Unterhaltung, die Zerstreuung, der Zeitvertreib, das Vergnügen – in der Musik heißt das: Divertimento.

Als Matthias Schulz, bis zum 2016 Intendant der Stiftung Mozarteum, uns bat, nach Schubert, Schumann, Brahms, Mahler, Bartók … nun auch einmal eine Annäherung an die Musik Mozarts zu versuchen, dachten wir zuerst an die Unterhaltungsmusik, die häufig mit „Divertimento“ überschrieben wurde und bei Tisch, im Freien, aber auch im Konzertsaal gespielt wurde. Das war damals nicht so heikel.

Auch Erik Satie schrieb Divertimenti, denen er eigenwillig-schrullige Titel gab (wir sind ihm bei der Bezeichnung unserer neuen Stücke mit großer Freude gefolgt). Ein Zeitgenosse bestaunte an ihm die Courage, mit der Kenntnis von nur 13 Buchstaben des Alphabets einen Roman schreiben zu wollen. So oder so ähnlich hat er das gesagt. Jedenfalls kommen der bis heute mancherorts als Dilettant geschmähte französischen Exzentriker und der gottgleiche Tonschöpfer aus Salzburg ins Gespräch. So ist der Abend über die Langeweile auch zu einer Unterhaltung von Mozart und Satie geworden. Besser gesagt: Wir unterhalten uns mit Themen von Mozart und Satie und einigen anderen über geografische Räume, musikalische Epochen und Stile hinweg. Auf dass die Zuhörer schlussendlich nicht mehr wissen: Was ist von Wolfgang, was von Erich, von Franz, Hans, Adalbert oder Franui?

Zur Unterhaltung seiner Zeitgenossen entwarf Mozart ein musikalisches Würfelspiel: „Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componiren, so viele man will, ohne etwas von der Musik oder Composition zu verstehen“. Mit Hilfe einer Zahlentafel und einem Vorrat aus ingesamt 176 Takten würfelt man sich einen neuen Walzer. Während wir ausführlich von dieser Methode Gebrauch machten, just in jenem Moment, als für die Würfelaugen-Summe 11 auf den Takt 41 verwiesen wurde, läutet der Künstler Martin Gostner Sturm: Er habe eine Idee für das Bühnebild, sagt er. Würfel aus Plexiglas. Mit Watte innen drinnen. – Ist das nicht herrlich?

Bleibt noch zu sagen: Gute Unterhaltung!