»TANZ BODEN STÜCKE«

»TANZ BODEN STÜCKE«

Franui & Wolfgang Mitterer (Orgel, präpariertes Klavier, Elektronik)
Komposition und musikalische Bearbeitung: Markus Kraler/Andreas Schett und Wolfgang Mitterer

Das Programm „Tanz Boden Stücke“ bringt nicht nur Musiker erstmals zusammen, die sich schon lange kennen und aus derselben Gegend stammen: Die Instrumentalisten von Franui sind ebenso in Osttirol, einem hintersten Winkel Österreichs, aufgewachsen wie der Komponist und Organist Wolfgang Mitterer. Bei „ Tanz Boden Stücke“ wird auch zum ersten Mal die einzigartige, sofort wieder erkennbare Klangbatterie der Musicbanda – Volksmusik-Saiteninstrumente sowie Streicher plus viel Gebläse (Holz- und Blechbläser) – mit der extraordinären Klangmaschine Mitterers (große Konzertorgel plus präpariertes Klavier und Elektronik) vereint. Die gemeinsame musikalische Suchbewegung: Tanzmusik, wie sie in inneralpinen Tälern aufgespielt wurde und wird oder wie sie Béla Bartók aufnotierte – und wie diese in der „Klassik“ widerhallt, von Mozart über Schubert, Bruckner und Richard Strauss bis hin zu Bartók eben und dessen musikalischen Nachfahren Ligeti und Eötvös. Franui wurden mit ihren Aneignungen der Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Mahler bekannt. Dabei versteht sich das Ensemble als „Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik“; manches mal wird die klassische Vorlage in all ihrer Schönheit liebevoll zelebriert, manches mal vom Kopf auf die Füße gestellt (oder umgekehrt), skelettiert, angereichert, übermalt, weitergedacht. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Interpretation, Improvisation, Arrangement und (Re-)Komposition. Dieselbe Herangehensweise wird nun auf die Tanzmusik übertragen, verstärkt durch Mitterers bewusstseinserweiterndes klingendes Pandämonium aus tanzenden Orgelpfeifen, Bretterbodengeknirsche, Mopedgeknatter der Dorfjugend – und allem, was dem eigenwilligen Grenzgänger zwischen Komposition, Tastenperformance und Live-Elektronik sonst noch zwischen die Finger kommt und in die Füße fährt.   Vom Tanzboden ist es übrigens nicht weit zum Friedhof. Schon bei Erscheinen ihres gefeierten Trauermarschalbums „Frische Ware“ notierten Franui: „Unsere Musik spielt zwischen Friedhof und Tanzboden. An beiden Orten ist eine rechteckige Fläche im Zentrum der Aufmerksamkeit.“

Die Uraufführung der „Tanz Boden Stücke“ war am 4. Dezember 2014 im Rahmen des Festivals Dialoge im Großen Saal des Mozarteum Salzburg.
Weitere Aufführungen finden in der Kölner Philharmonie, in der Elbphilharmonie Hamburg, bei den KunstFestSpielen Herrenhausen in Hannover, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, beim Festival Klangspuren in Schwaz/Tirol und im Konzerthaus Wien statt.
Alle Konzerttermine hier.

Pressestimmen

Pressestimmen

„Kölnische Rundschau“

Franui lädt zum etwas anderen Tanz ein
Von Reinhard Lemelle

Diese zehn Musikerfreunde haben schon immer das Ohr am Puls der heimischen Volksmusik gehabt. Schließlich stammen sie alle aus dem Osttiroler 1000-Seelen-Dorf Innervillgraten, wo die musikalische Tradition von der Schankwirtschaft über die Hochzeit bis zur Beerdigung noch was zählt.
Dementsprechend versteht sich Franui – so der Name dieser Musicbanda – auch als eine Volksmusikanten-Kapelle. Doch Entwarnung! Die Truppe um den musikalischen Leiter und Trompeter Andreas Schett hat so gar nichts mit den Sitten und Gebräuchen im Musikantenstadl zu tun. Wenn die Musiker von Franui auf ihren Instrumenten wie Blech, Geige, Akkordeon und Hackbrett loslegen, treiben sie den alten Weisen die Gemütlichkeit aus und verleihen ihnen herrlich anarchische sowie herzerfrischend virtuose Züge. Dabei schaut man aber auch immer wieder gekonnt über die Grenzen und Bergspitzen hinaus. So hat Franui ebenfalls den von der Volksmusik infizierten Liedern von Schubert, Brahms und Mahler derart betörend und beschwingt den Puls gefühlt, dass selbst das Großfeuilleton sich vor dem Sound und dem Geist dieser Tentetts verbeugen muss. Als ein „Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik“ hat sich Franui einmal selber beschrieben. Und diese wilde Mischung ist bislang noch jedem Publikum in Herz und Blut übergangen. Ob bei den Wiener Festwochen, bei der Ruhrtriennale oder den Bregenzer Festspielen.2012 sorgte man in der Kölner Philharmonie für eine etwas andere Trauerstimmung.Als man mit dem Franui-typischen Sound und einer Extra-Portion Galgenhumor zu einem musikalischen Leichenschmaus einlud, bei dem den Musikern weniger die Tränen herunterkullerten als vielmehr Schweißtropfen.


„Eßlinger Zeitung“

Der Schubert Franzl tanzt die PolkaVom rustikalen Untergrund der noblen Klassik: Die Osttiroler Musicbanda Franui mischt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Stile und Stimmungen
Von Verena Großkreutz

Ludwigsburg - Franui war wieder da. Zum vierten Mal beglückte die Osttiroler Musicbanda die Ludwigsburger Schlossfestspiele. Diesmal mit ihrem neuesten Programm „Tanz Boden Stücke“: eigenen anarchischen Bearbeitungen von Schubert-Tänzen und auch ein paar von Béla Bartók. Die Karlskaserne war voll, und das Publikum nahm sich die einleitenden Worte von Intendant Thomas Wördehoff zu Herzen, der da sagte: „Wenn Sie das Gefühl haben, plötzlich lachen zu müssen: Nicht nervös werden, tun Sie’s einfach!“Franui spielt eine wilde Stilmischung und nimmt die Tatsache sehr ernst, dass alle abendländische Musik - und damit auch Brahms, Schubert und Mahler - in der Volksmusik wurzelt. Das zeigte dann sehr konkret das „Menuett mit Dirndl“, in dem Mozarts berühmtes „Don-Giovanni“-Menuett von drei alpenländischen Volksliedern „übermalt“ wird. Man hat meist das Gefühl, man tanze auf einer Bauernhochzeit, lausche in der Kirche einem Chor, der gerade Volkslieder probt, folge auf dem Friedhof einer Trauermarschkapelle - alles natürlich gleichzeitig!Die Arrangements von Kontrabassist Markus Kraler und Bandleader Andreas Schett sind subtil. In Trauermärsche schleicht sich Humoristisches ein, Melancholie paart sich mit Witz, Lachen mit Weinen, das Schwere wird leicht: Plötzlich erklingen in einem wunderschönen Trauermarsch Männerstimmen im Chor: „Eine Viertelstund’ vor seinem Tod - ja da war er noch am Leben!“ Die meisten Mitglieder der zehnköpfigen Band, die seit 1993 in derselben Besetzung spielt, haben sich in ihrer Jugend in einer Friedhofskapelle im Osttiroler Dorf Innervillgraten kennengelernt. Der Gruft-Sound aus weich harmonierenden Blasinstrumenten ist daher unverkennbarer Teil im genialen Stilmix. Aber der typische Franui-Klang ergibt sich erst im Zusammenspiel mit Geige, Kontrabass, Hackbrett, Harfe und Akkordeon.SANFT, JAULEND, RASENDHart geschnitten wechseln sich ruhige Walzer und Märsche, aufjaulende Lärmophonien und rasend schnelle Tänze ab. Dann wird es plötzlich ganz sanft, wie im „Schneekugelwalzer“ nach Schubert, in der zunächst nur Hackbrett, Geige, Harfe und Bass die Töne tupfen. „Wenn man Trauermärsche viermal schneller spielt, ist es eine Polka“, sagt Schett. Franz Schuberts berühmtes As-Dur-Impromptu geht auf in einer „Boarischen“ Polka, gleich mehrere Komponisten - auch Bartók und Ligeti - liefern die Motive für den „Vielfach Zwiefachen“, in dem Franui der komplexen Rhythmik alpiner Volksmusik auf den Grund geht. Ob „Tanzfolge der entfernten Verwandtschaft aus Wien“ oder „Alptraum eines österreichischen Pianisten“ - die originalen Melodien der Schubert-Tänze werden meist aufgeteilt auf mehrere Blasinstrumente, drehen von ruhigem Maß auf bis zur furiosen Raserei, um sich dann wieder mit Trauerflor zu umgeben. Schubert und der Tod - ein weites Feld: Sein „Totengräberlied“ spiegelt sich bei Franui folgerichtig in seinen „Deutschen Tänzen“ wider. Oft wird das eine vom anderen überschrieben oder durch wild bewegte, oft äußerst schräge Mehrstimmigkeit überlagert, in der sich dann irgendwo das Original versteckt.Daneben hat Andreas Schett eine ganz eigene Moderation kultiviert: In seinem unnachahmlich zerdehnten Osttiroler Dialekt - auf zwei Monitoren deutsch übertitelt - erzählt er skurrile Geschichtchen: etwa von Wirtshausschlägereien und -demolierungen, deretwegen halb Innervillgraten in den 60er-Jahren fliehen musste, um auf einem Ozeandampfer in spanisch sprechenden Gefilden zu landen, um dann nach Verjährung der Sachbeschädigungsvorwürfe in die Heimat zurückzukehren - weswegen so manche Innervillgratener Familie heute gleichzeitig einen Emi- wie Immigrationshintergrund habe. Wolfgang Mitterer unterlegt das vom präparierten Flügel aus melodramatisch mit pointiert schrägen Klängen und Soundteppichen aus allerlei Animalischem wie Ziegenmeckern, Schweinegrunzen und Pferdgalopp. Sehr, sehr lustig!


„Ludwigsburger Kreißzeitung“
Nur ein paar Takte vom Grab zum Tanzboden
Von Astrid Killinger

Wer von Moskau her kommt ins Villgratental, der muss beim Oberthaler rechts abbiegen. Wer von Paris anreist, geht beim Oberthaler am besten links weiter und nach Innervillgraten hinein. In diesem Osttiroler 1000-Seelenort werden solche Geschichten erzählt, wie die von der verleerten Nudelsuppe beim Raiffeisen-Wirt. Und dort, wo sich auch irgendwo die Franui-Alm befinden muss, konnte vor über 20 Jahren eine Musik entstehen, die nicht nur Schlossfestspiel-Intendant Thomas Wördehoff die Volksmusik mit neuen Augen sehen lässt, wie er in der Einführung zum Konzert „TanzBodenStücke“ verriet.
Acht Musiker und zwei Musikerinnen spielen in der Reithalle, teils im fliegenden Wechsel zwischen zwei Instrumenten: Trompete, Saxofon, Klarinette, Posaune, Tuba, Schlagzeug, Zither, Hackbrett‚ Harfe, Bass, Akkordeon. Als Gast haben sie Wolfgang Mitterer dabei. Der sorgte schon damals, beim denkwürdigen Festival in Innervillgraten, als Andreas Schett die Franui Musicbanda aus der Taufe hob, für eine „Ringbeschallung im Wald“.

Morbid-fröhliche Kulisse

Jetzt in Ludwigsburg ergänzte Mitterer zum einen die Musik mit Elektronik und präpariertem Klavier, kommentierte mit Ziegengemecker, ließ Kirchenglocken bimmeln. Zum anderen kreierte er eine bittersüß-morbid-fröhliche Klangkulisse, wenn Schett im Tiroler Dialekt, auf rabenschwarzen Displays übersetzt, Dorf-, Flucht-‚ Sternsinger—, Emi- und Immigrationsgeschichten erzählte.
Die aus derlei Legenden resultierende Erkenntnis, dass alles auf dem Weg ist und alles miteinander zusammenhängt, die überträgt die Banda mit großer Verve auf die Musik. Schett und Freunde haben herausgefunden, dass sich der Trauermarsch auf dem Weg vom Friedhof bis zum Leichenschmaus in eine Polka verwandelt. Und sie decken auf, dass unsere Klassiker wie Schubert und Mozart nicht vom Himmel gefallen, sondern beeinflusst von Volksmusik aufgewachsen sind.
Diese Zusammenhänge vermischt Franui in Stücken wie „Alptraum eines österreichischen Pianisten“ oder „Tanz!(Franz)“, die auf „Deutschen Tänzen“ von Schubert aufbauen. Den zeitgenössischen Komponisten Peter Eötvös hat Wolfgang Mitterer bearbeitet, heraus kamen „Salamitakte aus Cello Concerto Grosso“.

Gefärbt und skelettiert

Als Referenz an eine Art Vorgänger‚ den Stückesammler Bela Bartok, wurde Mitterers Klangapparat kurz abgelöst durch eine Originalaufnahme aus dem Jahr 1910 mit singenden Frauen auf dem Feld. In den „Husch Pfusch Tusch“ funkte neben Schubert und Bartok noch der wiederum jüngere György Ligeti, im Schlussakkord fluchte Mitterer. Leise und langsam begann und endete manches Stück, zwischendrin klang es schräg und laut, mal derb, mal feierlich, mal ein bisschen nach Klezmer, mal nach Zirkus oder Jahrmarkt, und manchmal, für einen Wimpernschlag, nach einer Stube auf der Franui Alm.
Seiner umständlichen Entstehungsgeschichte entsprechend widmeten die Musiker dem Kupelwieser-Walzer besonders berührende Aufmerksamkeit. Auch hier haben sie Musiken ineinander übergeführt, haben gefärbt, skelettiert, weitergesponnen und, wie Schett das Tun von Franui Musicbanda gelegentlich beschreibt, etwas „vom Kopf auf die Füße gestellt“.


„Tirol Krone“

Von Thomas Nußbaumer
Zum Artikel in der Tirol Krone (19. September 2015)